Hintergründe zur STEINKREIS Stiftung

Mit der neugegründeten „STEINKREIS Stiftung für Europäische Industrie Kultur, Raumentwicklung und Gemeinschaft“ ist die institutionelle Basis für ein innovatives Modellprojekt in Europa entstanden, das Bewährtes bewahren und (basierend auf ganzheitlichem Erkenntnisgewinn) konstruktiv Zukunft gestalten will.

Neu ist daran vor allem, dass Stadt und Land, Ost und West, Nord und Süd, Alt und Jung – alle Lebens- und Arbeitswelten auf Augenhöhe – ihre Stärken und Schwächen der Gegenwart sowie ihre Chancen und Risiken für die Zukunft miteinander betrachten und einen Interessenausgleich als zivilgesellschaftliche Initiative gestalten sollen.

„Wir wollen alle Menschen über unsere Inhalte und unsere Arbeit erreichen.“ (Katja Goschütz, Mitglied des Stiftungsvorstands).

Den geschichtlichen Rahmen bilden kulturvolle und bildungsstarke Entwicklungen mit gemeinschaftsstiftender Wirkung in der Zivilgesellschaft seit der Antike. Wachstum braucht starke Wurzeln. Und diese Wurzeln sieht die Initiative schon in den Anfängen des Bürgertums, als Protagonisten der Entwicklung wie der Glasgower Hochschullehrer John Anderson die Breitenbildung als grundlegend für das Industriezeitalter betrachteten. An Andersons Institut entwickelte James Watt die Dampfmaschine weiter, welche dann 1782 die Industrialisierung und damit unsere heutige Warenvielfalt und Lebensqualität einleitete. Per Testament verfügte Anderson bereits 1796 die Gründung der ersten Mechaniker-Universität, die bis heute in Glasgow existiert. In der Folge entstand beispielsweise in Europa mit der Herstellung von Musikinstrumenten, die für breite Bevölkerungsschichten spielbar und erschwinglich waren, durch kulturelle Eigenbetätigung ein gemeinschaftsstiftendes Massenphänomen. Die Produktion und der Verkauf von Musikinstrumenten in großen Stückzahlen erzeugten Wachstum.

Die Gesamtbetrachtung von industrieller und gesellschaftlicher Entwicklung hat der Universalgelehrte und Verantwortungsunternehmer Ernst Abbe in Jena mit Unterstützung von Otto Schott für Europa maßgeblich weiterentwickelt. Das Statut der 1889 von Abbe gegründeten Carl-Zeiss-Stiftung ist bis heute wegweisend. 1992 gründete der Stiftungsexperte Prof. Dr. Olaf Werner im Zuge der deutschen Wiedervereinigung die Ernst-Abbe-Stiftung in Jena. Herr Werner hat die STEINKREIS Stiftung mitinitiiert und den Gründungsprozess bis zu seinem Tod begleitet. Die Ernst-Abbe-Stiftung ist Treuhänderin der STEINKREIS Stiftung.

In Thüringen gab es neben globalen Impulsen für die Pädagogik (Friedrich Fröbels Kindergarten) und Literatur (u.a. Johann Wolfgang von Goethes Werke im Zuge der humanistischen Aufklärung) auch die besondere Geschichte der Maxhütten in Unterwellenborn und Bayern. Die STEINKREIS Stiftung will mit ihrer Arbeit und dem konstruktiven Blick auf das Ganze den biografischen Erkenntnisgewinn als „Steinkreise“ durch Wissensvermittlung bewahren und weitertragen. Hierzu gehört auch das Wirken des ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Gründers von Jenoptik, Prof. Dr. Lothar Späth. Seine Analysen zum Transformationsbedarf der 1980er Jahre sind auch heute von hoher Aktualität.

„Neben den Zeitzeugen und biografischen Erkenntnissen bildet der Wissensspeicher aus der Zusammenarbeit mit führenden Institutionen aus der DACH-Region die konzeptionelle Basis.“ (Pierre Wilhelm, Sprecher des Stiftungsvorstands)

Die baulichen „Steinkreise“ der Stiftung stehen für die Gasmaschinenzentrale und den Kulturpalast Unterwellenborn sowie die Wiederbelebung der wissenschaftlichen Brücke zwischen Stadt und Land, die in Gestalt der „Ingenieurschule für wissenschaftlichen Gerätebau Carl Zeiss Jena und Unterwellenborn“ bis 1991 existierte (heute Ernst-Abbe-Hochschule Jena und Berufsbildungszentrum Saalfeld).

Die 1928 von der Maxhütte in Betrieb genommene Gasmaschinenzentrale ist ein früher Zeuge von Recycling in Europa, ein Dynamo ist bis heute funktionstüchtig. Er hat aus Verhüttungsgasen Strom gewonnen. Das Denkmal ist Teil der Europäischen Route der Industriekultur.

Die STEINKREIS Stiftung sieht aber Industriekultur nicht nur aus der Retrospektive – deshalb die ungewöhnliche Schreibweise im Titel. Unterwellenborn ist ein einzigartiges Beispiel vitaler Industrie und attraktiver Lebensqualität. Der Ort „glänzt“ mit einer vorzüglichen Ausstattung an Schulen, Kindergärten, Freibad, Einkaufszentren und ein breites Spektrum an Urlaubsmöglichkeiten an den Saale-Schleifen und Stauseen. Parallel gibt es im Ort und Umland eine für den ländlichen Raum einmalige Dichte an Industriearbeitsplätzen fern von Metropolen. Stahlwerk und Kommune haben die Anpassung der Einnahmesituation an die geopolitischen Risiken 2025 erfolgreich gemeistert.

Damit ist Unterwellenborn prädestiniert für ein Modellforschungszentrum zur Zukunft des ländlichen Raums in Europa.

Den zweiten baulichen Steinkreis europäischer Dimension bildet der Kulturpalast Unterwellenborn. Er ist der architektonische Prototyp der Bauepoche in dessen Folge die DDR mit ca. 2.000 Kulturhäusern die bis heute weltweit höchste Dichte an derartigen Begegnungsorten betrieb. Neben diesem „einzigen Metropolpalast auf dem Land“ in Unterwellenborn hat sein maßgeblicher Architekt – Prof. Josef Kaiser – weitere Bauwerke mit weltweiter Strahlkraft geschaffen, wie das Berliner Kino International, das zu den „Top Ten“ der Kino-Weltrangliste gehört und die wiedereröffnete Mokka Milch Eisbar. In diesem Sinne will die Stiftung auch bauliche Brücken zwischen Stadt und Land bauen.

Den Bau des 1955 eröffneten Kulturpalastes Unterwellenborn hat sich die Belegschaft der Maxhütte bei der DDR-Führung eingefordert und selbst an dessen Errichtung mitgewirkt. Viele positive Erinnerungen an das Kulturpalastleben wirken bis heute in den Menschen fort. Deshalb hat sich nach der glücklosen Privatisierung des Denkmals der Verein Kulturpalast Unterwellenborn e.V. gegründet, der von 2013 bis 2019 bereits ein breites Spektrum an Veranstaltungen durchgeführt hat. Seit 2019 führt der Verein seine Veranstaltungen in der Gasmaschinenzentrale durch. Er kann dadurch den Aktiven des ehemaligen Maxhüttenvereins eine neue Basis bieten und hat neue Mitglieder gewonnen.

Die STEINKREIS Stiftung will bei der Wahrung des baukulturellen Erbes die Perspektive der Wertschätzung von Lebensleistungen der Wiederaufbaugeneration in ganz Deutschland besonders achten. Die Initiative hat sich bereits bei der Erhaltung der international prämierten Ausstellung „Zwei deutsche Architekturen 1949 – 1989“ erfolgreich engagiert.

Dass das Erleben der massiven Schattenseiten der DDR-Epoche und das Einsetzen für das baukulturelle Erbe des Kulturpalastes Unterwellenborn mit seiner gemeinschaftsstiftenden Wirkung zusammen gehen können, zeigen das Engagement von Stephan Krawczyk und Michael Goschütz („Migo“). Beide kennen sich aus der Singebewegung. Der Liedermacher und DDR-Oppositionelle Krawczyk trat zum 60. Geburtstag des Kulturpalastes 2015 auf einer Benefizveranstaltung des Vereins auf. Migo war Leiter der Freizeitzirkel im Kulturpalast Unterwellenborn und des Singeklubs der Maxhütte. Als er wiederholt kritische Lieder veröffentlichte, erhielt er von der SED-Kreisleitung Hausverbot. Migo gilt seit 1990 zu den engagiertesten Unterstützern beim Erhalt des Kulturpalastes. Seine Schwiegertochter ist seit 2025 1. Vorsitzende des Vereins.

Neben der Finanzierung einer professionellen Konzeption für den Kulturpalast und des Umfeldes hat der Freistaat Thüringen als Unterstützung der zivilgesellschaftlichen Initiative auch die bauliche Erneuerung von Dächern unterstützt.

Die STEINKREIS Stiftung sieht in den Steinkreisen auch die Energie, die entsteht, wenn man Steine ins Wasser wirft und die ausgelösten Kreiswellen sich verbinden. Sie will nicht nur Bewährtes bewahren und Zukunftspläne „schmieden“, sondern ist bereits in der Gegenwart durch eine Innovation sichtbar:

Die Fähigkeit zur Verbindung von Lebenswelten, Regionen und Generationen stellt die hieraus entstandene zivilgesellschaftliche Initiative mit dem 2024 gegründeten „Netzwerk für Bildung & Begegnungsorte – Auf den Spuren von Ernst Abbe“ und Botschafterinnen und Botschaftern aus Deutschland und der Schweiz bereits eindrucksvoll unter Beweis.

Das Netzwerk hat sich auf Einladung von Prinzessin Heide von Hohenzollern auf Schloss Burg Namedy unter Beteiligung von Menschen und Institutionen aus einem umfangreichen Spektrum gegründet (vertiefend hierzu: www.netzwerk-bildung-begegnung.de). Hier „prallen“ nicht Welten aufeinander, die sonst keine Berührungspunkte hätten, sondern ergänzen sich mit dem Blick auf Vernunft, Verantwortung und Versöhnung.

Die Gründung der STEINKREIS Stiftung haben der Verein Kulturpalast Unterwellenborn e.V. (mittels Spenden aus der Bevölkerung), der Weimarer Architekt und Regionalentwickler Thomas Zill sowie der Potsdamer Volljurist und Regionalentwickler Pierre Wilhelm als Mitstifter in Jena mit der Ernst-Abbe-Stiftung als Treuhänderin vollzogen.

„Ich freue mich, dass mit der Gründung der STEINKREIS Stiftung diese neue Möglichkeit entsteht, das Wirken Ernst Abbes noch sichtbarer zu machen. Gerne bin ich Botschafter des `Netzwerk für Bildung & Begegnungsorte´“, sagte Christian Gerlitz, Geschäftsführer der Ernst-Abbe-Stiftung bei der Gründung in Jena.

„Die STEINKREIS Stiftung und das ´Netzwerk für Bildung & Begegnungsorte´ zeigen in herausragender Weise den wichtigen ganzheitlichen Blick zivilgesellschaftlicher Initiativen. Deshalb hat mein Institut gerne die Stiftungsgründung beraten und bin ich Botschafter des Netzwerks.“ (Prof. Dr. Christian Fischer, Direktor des Abbe Instituts für Stiftungswesen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena).

Bei der Präsentation der STEINKREIS Stiftung am 29. Mai 2026 vor Medienvertretern in Unterwellenborn sagte der Bürgermeister André Gölitzer: „Das Erbe der Maxhütte und des Kulturpalastes sind tief im Herzen der Menschen verankert. Mit großer Wertschätzung sehe ich die Initiativen um die neue Stiftung. Gerne bin ich Botschafter des Netzwerks, da ich von dem zukunftsweisenden Handlungsansatz überzeugt bin.“

Nun will die Stiftung für weitere inhaltliche und finanzielle Unterstützung überregional werben. Dabei profitiert sie von der authentischen Verankerung in Stadt und Land.

„Der besondere Wert der zu erhaltenden Architektur und unserer inhaltlichen Ziele braucht auch besondere finanzielle Unterstützung. Wir brauchen großes Geld und laden alle dazu sein“, sagt Thomas Zill vom Stiftungsvorstand.

„Den herausragenden Wert der Architektur und das innovative Herangehen durch das Netzwerk für Bildung & Begegnungsorte findet auch die gutachterliche Wertschätzung des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege durch den langjährigen Landeskonservator Holger Reinhardt.“ (Dr. Michael Grass, Referent des TLDA und Botschafter des Netzwerks. Holger Reinhardt ist Mitinitiator des Netzwerks.)